02.01.2009 - Volks(um)erziehung fuer die Expo 2010  
     
  Die Expo rueckt bedrohlich naeher. Bis dahin muessen noch einige hundert Truman-Show-Bauprojekte fertiggestellt werden. Diese loesen aber nur das Bausubstanzproblem (oberflaechlich jedenfalls). Die Shanghaier Buerger muessen aber auch schnell noch "umgebaut" werden, und dies sollte sich als ungleich schwerere Aufgabe darstellen, denn die sowohl von Jahrtausende alter Bauernkultur als auch von Onkel Mao's Kulturrevolution gepraegten Chinesen lassen sich nicht mal eben auf die Schnelle zu zivilem Verhalten bekehren; das versuchen zig-tausend in Shanghai lebende Auslaender bereits seit 1980 - mit maessigem Erfolg. Nun, die zustaendigen Shanghaier Behoerden haben sich einen lustigen und wie immer willkuerlich erscheinenden Cocktail von Regeln einfallen lassen, die Shanghaier Buerger bis 2010 auswaendig lernen und auf Kommando (wenn Auslaender in Sichtweite sind) anwenden muessen. Wir haben diese fuer euch hier uebersetzt.  
 
Heisst die Weltausstellung (Expo) willkommen!
Wir treten in die zivilisierte Welt ein!
Schluss mit den schlechten Gewohnheiten!
Verehrte Buerger, Freunde: 2010 wird die Shanghai Expo ihre Tore oeffnen. Unter Schirmherrschaft der Bezirksverwaltung starten wir im Stadtbezirk JingAn die Initiative "Willkommen Expo - 600 Tage". Motto dieser Expo ist "Bessere Stadt, besseres Leben". Bessere Stadt bedeutet bessere Umgebung. Anhand von Karikaturen stellen wir mit der Zivilisation nicht im Einklang stehende Verhaltensweisen heraus, um euch alle zur Erhaltung unserer Stadt und einer schoenen Umgebung anzuregen, und ungebuehrliche Verhaltensweisen abzustellen. Lasst uns an praktischen Beispielen beweisen, dass wir selbst Propagandisten von "Willkommen Weltausstellung! Wir treten in die zivilisierte Welt ein! Weg mit den schlechten Gewohnheiten!" sind. Praktizierende, lasst uns das Motto der Expo vollstaendig umsetzen!
Strassenstaende sind gefaehrlich
Hintergrund ist die schlechte Angewohnheit, mit allerlei Verkaufs- oder Dienstleistungsstaenden den gesamten Gehweg einzunehmen und diesen somit dem eigentlichen Zweck zu entziehen. In der Tat ist das normale Laufen (Flanieren) auf Gehwegen in Shanghai kaum moeglich. Oft muss man auf die Strasse ausweichen, und diese ist durch unzivilisierte Fahrweise (vor allem der Taxi-Fahrer) als gefaehrlich einzustufen. Allerdings sind Gehwege auch ohne Strassenstaende kaum sicher begehbar, da sie oft weniger als einen Meter breit und mit Baeumen bepflanzt sind.
Der Shanghaier Waeschetrockner verschandelt das Stadtbild
Schade eigentlich, denn wir sehen das Lufttrocknen von Bett-, Unter- und allerlei anderer Waesche als kulturelles Erbe dieser Stadt an, das eher erhalten (kultiviert) als beseitigt werden sollte. Es gibt viel stoerendere Verhaltensweisen (Spucken, Rotz hochziehen, in den Buss draengeln, im Supermarkt rauchen, etc.), die noch immer zum normalen Stadtbild gehoeren, aber in der hier gezeigten Pseudo-Benimmschule leider gaenzlich fehlen.
Muell aus dem Fenster werfen belaestigt die Umgebung
Hmm, das ist ein ernsthaftes Problem. Regelmaessig fliegen Passanten leere Kaffee-Becher, Zigarettenstummel und anderer Muell um die Ohren. Auto-, Buss-, Buero-, und Wohnzimmerfenster sind hierbei genauso willkommene Muellauswerfstellen wie Tueren von Geschaeften. Die Regel scheint zu sein: oeffentlicher Raum gehoert mir nicht und ist mir deshalb auch vollkommen egal.
Zeugs im Flur anstauen birgt Gefahren
Ok, auch das gehoert zum Themenbereich "Missachtung von oeffentlichem Raum".
Hundekot wegraeumen
Im Vergleich zu Berlin sind Shanghaier Hundebesitzer wirklich sehr positive Vorbilder. Nahezu jeder Hundebesitzer rennt seinem Hund mit einer Plastiktuete hinterher, sammelt Hundekot prompt auf und entsorgt diesen in einem oeffentlichen Muelleimer. Kein Grund zur Warnung oder Sorge also.
Blumen und Pflanzen brauchen Liebe
Ach Menno. Warum wollt ihr alles abstellen, was unschaedlich und typisch ist? Wir hatten bereits darueber berichtet, wie Baeume als Turngeraete genutzt werden. Ein goettliches Bild, und wir koennen beim besten Willen keine Schaedigung der Substanz feststellen. Kleinlich agieren die Verantwortlichen hier. Und ueberhaupt, wir werden den Eindruck nicht los, dass kein einziger Auslaender zum Thema unkultiviertes Verhalten befragt worden ist. Unsere Liste saehe ganz anders aus.
Wildes Bekleben und Bestuecken von Briefkasten mit Werbung fuehrt zu Chaos
Hmm, ja. Ein paar Werbebotschaften haben wir schon im Briefkasten, nicht zu vergleichen aber mit Deutschland. Kein ernsthaftes Problem also.
Liederliches Bauen ist illegal
What the heck! Da es in Shanghai sowieso nur Grossbaustellen gibt, die nebenbei bemerkt hoechst ordentlich ausschauen, ist uns auch hier nicht klar, was die Werbung dem Chinesischen Otto-Normalsuender eigentlich sagen will.
Rauchen im Aufzug ist verboten
Genau! Wie oft haben wir schon Chinesen auf diese Ruecksichtslosigkeit aufmerksam gemacht. Erschwerend kommt hinzu, dass chinesische Zigaretten die boesen Erinnerungen an russische Belomorkanal wachruetteln - grausames Zeugs.
Baulaerm darf die Buerger nicht belaestigen
Auch Genau! Von 22 bis 6 Uhr ist Nachruhe, ihr Pappnasen! Seit Monaten wird vor dem Haus und hinter dem Haus gebaut - 25 Stunden am Tag, 8 Tage pro Woche. Wenn es nur das Bauen waere, wir haetten wohl dafuer Verstaendnis. Aber Bauen nach Onkel Mao's Prinzip der 4 Gleichzeitigkeiten (untersuchen, planen, bauen, und wieder einreissen) geht einem wirklich auf den Wecker. Unser Stadtviertel hat durch diesen sinnlosen Bauwahn viel an Attraktivitaet (Baeume, schmale Strassen, Menschen-vertraeglicher Massstab) verloren. Seit Monaten ziehen wir in unregelmaessigen Abstaenden vom Schlaf- ins Arbeitszimmer, je nach dem welche Baustelle (die vor oder die hinter dem Haus) weniger sinnlosen Laerm macht.
Die Installation der Klimaanlagen erfolgt nicht nach Standard
Was? Typisch Chinesen, immer um den heissen Brei herum reden. Sagt doch einfach, dass im Sommer die Klimaanlagen aufgrund schlampiger Montage tropfen, und dass Kondenswasser auf Passanten traeufelt! Jedes Mal, wenn man einen Techniker auf dieses Dilemma anspricht, heisst es jedoch: "Das ist ein Konstruktionsfehler, das kann man nicht reparieren". Um der Sache auf den Grund zu gehen, es mangelt an Fachkraeften in China. Gestern noch Bauer, heute Gas-Wasser-Elektro-Monteur; das ist in China Alltag. Eine Ausbildung zu machen, kommt in China einer sozialen Degradierung gleich. Wer den Gao Kao (den Eingangstest zur chinesischen Uni) nicht schafft, ist praktisch gesellschaftlicher Abfall - ein unhaltbarer Zustand.

Schon in New York waren wir vom Wartungsstand der Gebaeude und Ausruestungen sowie vom Ausbildungsstand der Handwerker geschockt, aber China schneidet im handwerklichen Pisatest noch wesentlich schlechter ab. Ein Hoch auf die deutsche Handwerkszunft!